Letzte Woche, bam! ganz plötzlich, war der Großteil des Inhalts von abendblatt.de, der Homepage des Hamburger Abendblatts, nicht mehr kostenlos abrufbar.
Lediglich Abonnenten können weiterhin auf alle Artikel zugreifen, oder aber Menschen die für 7,95€ monatlich zu Online-Abonnenten werden möchten.
Die Springer AG zieht Läufer um Läufer aus ihrem Angebot vor in die Offensive gegen die im Internet herrschende “Freibiermentalität”. Stefan Niggemeier kritisiert diesen Schritt und speziell dessen Rechtfertigung vonseiten des Abendblatts scharf auf seinem Blog: Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt.
Neckisches Detail: Nicht einmal der Erwerb einzelner Artikel auf abendblatt.de ist möglich. Man kauft einen ganzen Monat, oder gar nichts. Das scheint kaufmännischer Unsinn zu sein, und ist es wohl auch – das ist Springer aber egal.
Und ganz nebenbei einmal gesagt: Abendblatt? Qualität? Ein durchschnittlich begabter Mittelstüfler vor einem dpa-Ticker schreibt wahrscheinlich bessere “Berichte”.
Meistgekauft und meist verschmäht
Um auf die Läufer um Läufer-Metapher zurückzukommen: Was vernünftig denkenden Menschen unbegreiflich erscheint, ist eingetreten: Die Bild-App steht seit längerer Zeit bei den meistgekauften Apps ganz, ganz weit oben. Dies ist entweder ein Indiz dafür, dass das iPhone zu günstig zu haben ist, oder der durchschnittliche iPhone-Nutzer doch anders aussieht als ich immer dachte.
Was meinen Glauben in die Menschheit allerdings im Ansatz wieder festigt, sind die sage und schreibe 840 Bewertungen, die die Bild-App bisher erhalten hat. Das sind sehr viele, die nächsten “meistgekauften” Apps haben 118, 66, 121 und 37 Bewertungen.
Es sind Rezensionen im Stile von: “dafür monatlich 1,59€?”, “sein Geld nicht wert”, “definitiv das langsamste Nachrichtenportal”, “App an sich ist gut, stürzt nur dauernd ab”. Das zunächst undurchsichtige 30-Tage-System wird also kritisiert, sowie die technisch schlechte Umsetzung der App.
Bedauernswert sind Rezensenten, die darauf hinweisen, dass die “Zeitung” ja täglich 60 Cent koste, die App daher gar nicht “für immer” gültig sein könne, und das Abosystem (1,59€ mtl.) daher gerechtfertigt sei. Warum sollte aber auch jemand, der sich nur per “Bild” informiert auf die Idee kommen, über sein iPhone echte, andere, kostenfreie Nachrichtenseiten anzusurfen? Oder gar deren kostenfreie Apps zu nutzen?
Denn achtung: Die gibt’s. Das Handelsblatt hat mit dem eigenen Seiten-Relaunch auch eine iPhone-App zur Verfügung gestellt, die deutlich komfortabler ist als die Website. *Tusch* und das kostenlos. Alle 30 Tage wieder, und zwischendurch auch. Oder aber z.B. die App von “Wired“, die Blogposts und Videos der Sektion “Gadget Lab” beinhaltet und auf dem iPhone leicht zugänglich macht. Mit Werbung, aber kostenlos.
Es steht also die Frage im Raum, in welchem Maße der Online-Vertrieb gegen Bezahlung funktioniert, angenommen wird und für Springer verloren gegangene Werbeerlöse kompensieren kann.
Werden Prophezeiungen diverser Blogger (inkl. mir) und frisch denkender Journalisten wahr, so hat Springer damit nicht die eierlegende Wollmilchsau verpflichtet. Ob und wie Springer den eingeschlagenen Weg bei Nichterfolg wieder verlassen wird, dürfte allerdings fraglich sein.
Die Welt ist ohnehin nicht genug
Auch das journalismusähnliche Angebot der “Welt” ist neuerdings per App verfügbar. Hier kommt noch ein peinliches Moment hinzu: die aktuelle Kampagne der “Welt kompakt”.
Mit Slogans wie “Wir haben so viele Freunde auf Facebook, dass wir für die echten neue Namen brauchen” biedert sich die Welt kompakt an. Der Kracher kommt jedoch erst mit dem Claim “Sind wir reif für eine neue Zeitung?”.
Ich schon, und du hoffentlich auch, lieber Leser. Ein überkommenes Verkaufsschema mit der Brechstange verteidigende Verlage sicher nicht.
Apple ftw, again!
Innovationen bleiben aus, eine Vertriebsidee mit Zukunft ist am Horizont nicht zu erkennen. Außer natürlich mit Apples Tablet PC. Als Branchenfremder hat Apple schon einer Industrie (Musik und so) gezeigt wo es lang geht, und ist ohnehin immer für eine Überraschung gut. Das ist jetzt nur eine kurze Mutmaßung von mir, aber immerhin eine Möglichkeit. Wenn auch ein weit über 1000€ kostendes Gerät nicht als der wahrscheinlichste Papier-Ersatz erscheint.
Dass ein Stück Hardware die Zeitungsindustrie aber nicht nur weiter bringen, sondern sogar mit größtem Erfolg revolutionieren könnte, ist aber meines Erachtens nach ein lohnender Gedanke. Amazons Kindle ist wohl nicht der heilige Gral, auf den man in dieser Hinsicht noch hoffen kann. Der eBook-Markt steckt in Deutschland ohnehin noch in den Kinderschuhen… warum kommen Innovationen immer aus den USA, warum warten wir damit, bis uns jemand zeigt wie es geht?
Selber anpacken?
Ein günstiges, gut funktionierendes Gerät mit einem sehr kontraststarken Display, Internetanbindung und womöglich einem neuen Format zwischen Website und PDF, quasi einem Kindle in guter Umsetzung… warum nicht?
Verlage sollten doch wissen, wie so etwas sich anfühlen müsste, schließlich sind sie ach so qualitätsbewusst und möchten unbedingt etwas verkaufen. Bei entsprechendem Absatz ließe sich evtl. auch ein lukrativeres Werbeangebot realisieren.
Ich bin auf jeden Fall gespannt, was die Zukunft so bringt. Rund 9,60€ im Jahr für auf ein Schütteln hin sich ausziehende Bild-Girls gehören jedoch auf keinen Fall zu dem, was von der Zukunft des Journalismus derzeit nicht zu sehen ist.
Links zum Thema
Vor einiger Zeit habe ich auf querbeet-deluxe.com einen Artikel zum gleichen Thema, jedoch mit anderer Ausrichtung geschrieben: Journalismus: nicht umsonst, aber kostenlos
Thomas Knüwer schreibt auf seinem Blog “Indiskretion Ehrensache” ebenfalls über die Abendblatt-Geschichte: Trotz und Abendblatt, und greift dabei ebenfalls die schlechten Kritiken für die Springer-Apps auf.
Carta.info schreibt, wie man die Bezahlung beim Abendblatt umgehen kann: Abendblatt.de: Die Paid-Content-Schranke hat eine Google-Hintertür
Aktualisiert am 12. Januar 2010





Medienkompetenz