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Probieren kostet ja nichts

Timm | 8. Februar 2010

noTollFoto von “wfyurasko”, genutzt unter CC-Lizenz

Ein ganz, ganz signifikanter Faktor am Social Web ist, dass es immer etwas Neues gibt. Sobald ein “etwas” aus der großen Masse des Neuen herausschicht, berichten sehr schnell sehr viele Stellen darüber. Es könnte ja das nächste große Ding sein, “Twitter II” quasi. Es gibt Menschen wie Herrn Schirrmacher, die “da nicht mehr mitkommen”, die zur Mäßigung aufrufen und dazu, “den Computer” doch häufiger mal auszuschalten.
Das ist in etwa so, als ob sich der Papst zur neusten Entwicklung auf dem Spirituosenmarkt äußern würde. Da spricht jemand, der mehr Angst als Zuversicht und Ahnung hat. Bedenken an dem ganzen technischen Kram äußern mag von Zeit zu Zeit populär sein, aber “so kommen wir ja nicht weiter“, um Franjo Pooth zu zitieren.

Einige neue Dienste, Apps oder Funktionen tauchen auf, und man fragt sich: “Wofür?” – Ein halbes Jahr später ist man begeisterter Benutzer, und denkt sich: “Hätte ich das mal früher probiert”
Ich möchte darauf hinaus, dass eine tolle Eigenschaft des Social Web ist, dass jeder alles sofort ausprobieren kann. Geschlossene Betatests sind natürlich ausgenommen, aber so häufig sind diese auch nicht. Im Kontrast zum neuen Siebener oder A8, den verschiedene Magazine mit verschiedenen Autoren mit subjektiven Meinungen antesten, kann man sich bei neuen Diensten meist vollkommen kostenlos anmelden, oder zumindest Programme als kostenlose Version mit Werbung testen. Nun schließt sich der Kreis zu der etwas allein stehenden Einleitung: Statt sich durch überschwängliche und im Ton gefärbte Berichterstattung verrückt machen zu lassen, kann der gewiefte User den Dienst selber ausprobieren.

Nicht zu früh debattieren
Anstatt wochenlang eine groß angelegte Grundsatzdebatte darüber zu führen, was man denn braucht und was man nicht braucht, kann man es einfach ausprobieren. Das geht schneller, als das Ende der eben genannten Debatte abzuwarten, und man ist am Ende sogar eine eigene Einschätzung reicher.
Denkt man an die Aufregung zurück, die herrschte als Twitter nach Europa schwappte: Unglaublich. Ich möchte nicht wissen, wie wenige Wörter diejenigen auf Twitter gelesen haben, die sich sehr wortreich über die Unnötigkeit einer 140 Zeichen-Nachricht ausgelassen haben.

Es ist, als fragte ein reiner E-Mail-Schreiber, wozu er denn einen Instant Messenger benötige. Die Mail koste ja maximal 3 Klicks mehr. Die Zeitspanne in der man sich vom Schock einer solchen Frage erholen muss, ist ungefähr dieselbe wie die, in der der Fragende den Unterschied erkennen würde.

Damit möchte ich nicht sagen, dass nichts und gar nichts aus der Masse von Technologie und Social Media hinterfragt werden darf, ganz im Gegenteil! Eine sinnvolle Debatte kann jedoch nur dann stattfinden, wenn alle Beteiligten wissen wovon Sie reden.

Es geht los, wenn Menschen fragen “Wofür brauche ich denn das iPad?“, und dabei vergessen, dass sie vor 2,5 Jahren beim iPhone die gleiche Frage gestellt haben (Danke für diesen Gedankengang, Johannes Schardt! Beinhaltender Artikel auf Spreeblick: Willkommen in der Minderheit).
Was in der Zwischenzeit geschehen ist, sollte Antwort genug sein.

Gut, bei Hardware greift mein Beispiel nicht, denn das iPad ist wie ein A8 weder kostenlos noch spontan auszuprobieren. Nichts desto trotz: Mehr Offenheit und Gelassenheit im Umgang mit Innovationen und vermeintlichen solchen kann auf gar keinen Fall schaden. Unglaublich und unfassbar schnell ist der technische Fortschritt ohnehin, um ihn begreifen und nutzen zu können muss man ihn zuallererst zulassen.
Um z.B. Linux auszuprobieren, muss man nur ein Mal über seinen Schatten springen und eventuelle frühere, negativ in Erinnerung gebliebene Erfahrungen mit der vernünftigen Begründung beiseite schieben, dass sich die Umstände inzwischen verbessert haben könnten. Um eine meiner Lieblingsserien (wenn auch etwas aus dem Zusammenhang gerissen) zu zitieren: “I question everything, it’s very healthy.

Einstellung
Es ist ganz ähnlich wie bei Jugendlichen, die angeblich keine Erbsen oder keine Tomaten mögen. Die Wahrheit ist nämlich, dass sie es 1. nicht wissen und 2. nicht wissen können. Im Ernst: Erbsen. Tomaten. Soweit kann man sich jawohl im Griff haben, man muss das Gemüse ja nicht unbedingt lieben. Doch wird aus jedem “Ich mag gerade nicht so gerne” ein “Ich möchte nie wieder probieren“, verpasst man mehr als man kennen lernen kann.
Hier komme ich, und dabei überrasche ich mich selbst, zu einem Kern jeder Erziehung: Dass frühere Meinungen und Urteile sehr wohl zu überprüfen sind, und man die Umwelt als sich änderndes Gefüge begreift, ist jawohl wesentlich für das eigene Vorankommen und die persönliche Entwicklung.

Aktualisiert am 8. Februar 2010

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