Nach der Lektüre einiger Rezensionen oder der Replik von Sascha Lobo auf Frank Schirrmachers Buch „Payback“ fragte ich mich, wie weit einige Rezensenten das Buch, über das sie schreiben, eigentlich gelesen haben. Zugegeben, die endlose Liste von Feststellungen, Missständen und Anklagen im ersten Teil ermüdet. Im zweiten Teil wird es aber dagegen erst interessant, viele interessantere Fragen werden aufgeworfen.
Bewegen wir uns auf einen Maschinenfetischismus zu, wie er in Amerika schon länger weilt? Wieviele Entscheidungen lassen wir bereits jetzt von Maschinen treffen? Wir vertrauen voll auf deren richtiges Arbeiten.
Das einfachste Beispiel kommt aus der Analogwelt und ist der Taschenrechner. Was habe ich die Mathelehrer gehasst, die uns den im Unterricht verbaten. Heute kennt jeder die Verzögerungen an der Kasse, die entstehen, weil der Kassenmensch nicht weiß, was er retour geben soll, weil ihm die Kasse das mal nicht anzeigt. Ein anderes sind die Ratingagenturen, deren Wirken eines der Probleme der Finanzkrise war. Sie bewerten Unternehmen und Geschäfte. Alle verlassen sich darauf, auch wenn die Herleitung der Bewertung manchmal zweifelhaft ist. Aber alle sind auf deren Bewertungen angewiesen, weil das Finanzsystem zu unübersichtlich und schnell geworden ist. Wie die Lemminge folgen ihnen alle – auch in den Abgrund. Selberdenken oder übergreifendes Verstehen der Vorgänge bei den meisten Fehlanzeige.
Die zwei Beispiele lassen sich durchaus auch auf rechnergestützte Entscheidungsprozesse übertragen. Die Frage, die sich mir stellt ist, ob große komplexe Systeme überhaupt als Entscheidungsfinder funktionieren können.
Man stelle sich nur die gegenwärtig ungeheure Datenflut vor, die täglich um den Globus rauscht. Jeder Nutzer erzeugt Daten, die in Nutzerprofilen bspw. bei Google gespeichert werden. Alle haben Angst vor dem gläsernen Nutzer. Bundes-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger möchte alle Google Dienste beobachten lassen und fordert mehr Transparenz.
Die Frage lautet: kann man überhaupt so viele Daten so verarbeiten, dass im Ergebnis etwas Richtiges herauskommt, worauf man sich verlassen kann? Der missglückte Anschlag in Detroit über Weihnachten 2009 lässt mich daran zweifeln. Auch die Sicherheitsdienste der USA leiden unter einer immensen Datenflut, die offenbar nicht zu bändigen ist. Zumindest fallen sogar Topverdächtige offenkundig leicht aus ihr heraus.
Die Auswerter der Drohnenbilder in Afghanistan haben sich jetzt beschwert, dass sie mit der Auswertung der Datenflut nicht hinterherkommen. Eine ordentliche Auswertung dauere 20 Jahre – soweit zu den Maßstäben, mit denen wir es zu tun haben. Und Google hat, der Nutzermasse wegen, sicherlich mit noch mehr Daten zu tun.
Wir befinden uns sicherlich zumindest in der Nähe einer Schranke, hinter der unsere Intellekt und die Computerwelt aneinandergeraten. Die immense Quantität der Daten trifft auf die intellektuelle Unfähigkeit des Menschen, dieser Herr zu werden, sie gar zu begreifen. Ergo verlässt sich der Mensch auf die technischen Auswertungen und Lösungsvorschläge und freut sich insgeheim, Entscheidungen abtreten zu können. Soweit muss ich Schirrmacher recht geben.
Wir haben uns z.B. keinen Gefallen damit getan, den Krieg in Afghanistan zu einem rein high-technokratischen Militärereignis werden zu lassen. Viele politische Prozesse, die dieses begleiten hätten müssen, wurden zu Gunsten der Technik und den unerschütterlichen Glauben an ihr Erfolgsversprechen unterlassen. Man kann hier schon von einem Mangel an politischer Intellektualität sprechen, die zu Gunsten technokratischer Hörigkeit nicht zum Einsatz kam.
Bislang haben wir auf derlei Fragen immer nur technische Antworten gegeben, wie etwa: „Das ist jetzt die erste Version, spätere Versionen werden mehr können“ oder „Die Hardwareentwicklung wird eines Tages mehr ermöglichen“, etc. Aber wollen wir das? Sollten wir nicht langsam wieder lernen, selber zu denken und den Computer als sehr hilfreiches Instrument zu betrachten, statt uns an seinen schier endlos scheinenden Möglichkeiten zu berauschen? Es geht nicht darum, den Computer zu degradieren sondern darum, das Denken und Entscheiden nicht noch weiter auszulagern, sondern es als ein menschliches Hoheitsgebiet zu verstehen.
Aktualisiert am 26. Februar 2010




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